Geschichte des Theologischen Studienjahres Jerusalem

Das Theologische Studienjahr Jerusalem geht zurück auf eine Vision, die P. Dr. Laurentius Klein OSB 1969 in der Wüste entwickelte. Nachdem er vom Vatikan zum Abt Administrator der Dormitio Abtei berufen worden war, suchte er in der Abgeschiedenheit nach einer Zukunftsperspektive für die Abtei – und entwarf die Idee, den Zionsberg zu einem Ort zu machen, an dem deutschsprachige Studierende „Theologie im Land der Bibel“ studieren können. Aus einer zunächst geplanten dreimonatigen Sommerschule entstand 1973 das erste Studienjahr mit 19 Teilnehmenden. Seitdem – mit Ausnahme des durch die zweite Intifada bedingten ausgefallenen Jahres 2002/2003 – findet das Programm jährlich statt und begeht 2026/27 sein 53. Studienjahr.

Benediktiner P. Laurentius-Klein

Von Beginn an verband das Studienjahr akademische Qualität, ökumenische Weite und die Erfahrung des Lebens in Jerusalem. Fast 1.000 Alumni berichten von einem prägenden Jahr, das ihr Studium, ihre Berufswahl oder ihr persönliches Leben entscheidend beeinflusst hat. Viele promovierten, lehren heute selbst oder kehren als Dozierende nach Jerusalem zurück. Andere wirken in Kirche, Bildung, Medien oder Gesellschaft als Multiplikatoren einer Erfahrung, die nur Jerusalem ermöglicht: Lernen inmitten religiöser, kultureller und politischer Vielfalt.

Die Struktur des Studienjahres entwickelte sich früh zu einem thematisch ausgerichteten, interdisziplinären Programm, das lange vor dem Bologna Prozess moderne Studienformen vorwegnahm. Christologie und Ekklesiologie prägten die 1970er Jahre, Schöpfungstheologie die 1980er, später kamen postkoloniale und interkulturelle Perspektiven hinzu. Heute stehen verstärkt politisch und gesellschaftlich relevante Themen im Mittelpunkt. Die Verbindung von Bibelwissenschaft, Archäologie, Ökumene, Judentum, Islam und politischer Zeitgeschichte bildet bis heute das Herzstück des Programms.

Ein entscheidender Schritt war 1976/77 die Öffnung für Laienstudierende und protestantische Teilnehmende. In den letzten 15 Jahren kamen verstärkt Studierende aus pietistischen, freikirchlichen oder evangelikalen Traditionen hinzu. Diese Vielfalt macht das Studienjahr zu einem Ort gelebter Ökumene, in dem Unterschiede nicht abstrakt, sondern im gemeinsamen Alltag erfahren werden. Interreligiöses Lernen findet in gemeinsamen Studientagen mit der Hebrew University dem Hebrew Union College sowie im Rahmen der seit 2012 durchgeführten dreiwöchigen Muslimisch-Christlichen Werkwochen statt.

Der Ort Jerusalem prägt das Studienjahr in besonderer Weise. Die unmittelbare Nähe zur Dormitio-Abtei eröffnet Studierenden einen einzigartigen Erfahrungsraum, in dem akademisches Lernen organisch mit der geistlichen Tiefe benediktinischer Liturgie verbunden ist. Das tägliche Rhythmus-Gefüge aus Gebet, Gesang und gemeinschaftlicher Praxis macht erfahrbar, wie Theologie aus gelebter Spiritualität erwächst. Für viele Studierende liegt gerade darin ein besonderer Reiz: am klösterlichen Leben teilhaben zu können, die benediktinische Gastfreundschaft zu erleben und ein ökumenisch anschlussfähiges Gebetsleben kennenzulernen, das intellektuelle Arbeit und spirituelle Praxis miteinander verschränkt. Zugleich konfrontiert die Stadt mit der politischen Realität. Immer wieder musste das Studienjahr auf Kriege, Intifadas oder aktuelle Sicherheitslagen reagieren – von der Rückkehr des ersten Jahrgangs am Vorabend des Yom Kippur Krieges bis zu jüngsten Konflikten, die zeitweise Verlegungen nach Rom notwendig machten. Politische Exkursionen und Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern beider Seiten gehören daher fest zum Programm.

Ein weiterer Meilenstein war 2010 die Einrichtung des Laurentius Klein Lehrstuhls, der dem Studienjahr langfristige Stabilität gab. Seit 2018 begleitet ein Wissenschaftlicher Beirat die Weiterentwicklung. Zum 53. Studienjahr wird das Programm neu ausgerichtet: Es öffnet sich für alle christlichen Theologiestudierenden – vom Vollstudium bis zum Nebenfach – und integriert neue Elemente wie Praxiswochen und eine Masterclass in Bibelwissenschaften und Archäologie.

Seit seinen Anfängen steht das Studienjahr unter dem Zeichen des Regenbogenkreuzes, eines byzantinischen Pilgergraffiti vom Sinai. Es symbolisiert Gottes Bund mit der Menschheit und begleitet alle, die das Beit Josef betreten – ein Zeichen dafür, dass das Studienjahr seit über fünf Jahrzehnten ein Ort der Begegnung, des Lernens und der Hoffnung ist.

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